Restaurant Kastanienhof

KASTANIENHOF

«Wir versuchen, Menschen einen Lebenssinn zurückzugeben.»


Karin Koepfer ist Präsidentin des Vereines Bâlance Bâle, Mit-Initiantin und Projektleiterin des Restaurant Kastanienhof. Als Personalberaterin, Integrationshelferin und Coach verfügt sie über langjährige Erfahrung in ähnlichen Projekten und arbeitet sowohl im Hintergrund als auch aktiv an der Front im Kastanienhof mit.

WfW: Auf eurer Webseite steht „Jeder Mensch hat das Recht auf sinnvolle Arbeit und eine Anerkennung für seine Leistung“. Welche Überzeugungen stehen hinter dem Projekt Restaurant Kastanienhof? Was sind eure Ziele?

Karin Köpfer (KK): Ohne Lebenssinn ist das Leben nicht wirklich etwas wert. Heutzutage sind die häufigsten Krankheiten Depression und Burnout. In unserer Leistungsgesellschaft definiert man sich grossteils über seine Arbeit. Wer nicht mehr arbeitsfähig ist, fällt aus dem System. Hierfür gibt es leider kaum Lösungen und wir wollen dem mit unserem Ansatz entgegenwirken.

WfW: Und wie funktioniert dieser Ansatz?

KK: Durch eine ganzheitliche Wahrnehmung auf Augenhöhe. Es reicht nicht aus, nur die Symptome zu bekämpfen, sondern für eine langfristige Integration sollten die Ursachen miteinbezogen werden. Wenn wir auf die Welt kommen, werden wir so angenommen wie wir sind, ohne dass Leistung von uns erwartet wird. Aber sehr schnell werden wir untereinander verglichen und versuchen, durch Leistung Liebe zu erhalten.

Ich glaube es geht darum, sein Gegenüber wieder als Ganzes wahrzunehmen. Und auf dieser Ebene zu kommunizieren, vielleicht auch ohne Worte. Und dann passiert bei der anderen Person etwas, möglicherweise kann sie sich so selber wiedererkennen. Das ist auch unser Ansatz beim Kastanienhof: es geht nicht darum, bei allem Ja und Amen zu sagen, aber wir sind sehr tolerant und geben viel Freiraum.

WfW: Wie werden Mitarbeitende in persönlichen und beruflichen Belangen begleitet?

KK: Ziel ist es, die Leute wieder mit einzubinden, indem sie ein Netzwerk, eine Aufgabe erhalten und so ihren Selbstwert wiederaufbauen können. Dabei ist es uns wichtig, dass wir auf freiwilliger Basis arbeiten: es muss für uns aber vor allem auch für die Person passen. Mitarbeitende erhalten eine eigene Bezugsperson mit welcher regelmässig kleine Standortbestimmungen durchgeführt werden. Oft sind es private Dinge, welche den Personen im Weg stehen. Auch diese besprechen wir mit einem lösungsorientierten Ansatz. Nichtsdestotrotz bleibt der Grundgedanke Hilfe zur Selbsthilfe: was jemand alleine erledigen kann, soll auch eigenständig gemacht werden. Kein Fall ist gleich und alle brauchen in einem anderen Bereich Unterstützung. Wir versuchen, so gut wie möglich auf jede Person individuell einzugehen.

Kastanienhof

WfW: Das Restaurant Kastanienhof ist seit 2015 Teil des WfW-Partnernetzwerks: Was sind die Gründe für die Partnerschaft mit WfW?

KK: Ich weiss ehrlich gesagt nicht, wer das damals initiiert hat. Aber als ich 2016 die Projektleitung übernommen habe, fand ich die Idee von WfW gleich sehr gut. Denn ihr arbeitet mit ähnlichen Ansätzen: WfW bieten auch Hilfe zur Selbsthilfe, euch ist ebenfalls die Würde des Menschen wichtig. Ihr bindet Leute mit ein, sie können ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen, indem ihr ausbildet. Ihr steht hinter eurem Projekt und begegnet den Leuten auf Augenhöhe. WfW konzentriert sich hauptsächlich sehr gezielt auf Sambia, wo daher auch wirklich etwas bewirkt werden kann. Das ist bei uns auch so: ich kann nur hier, wo ich bin, auch wirklich etwas bewirken. Dafür zeige ich hier volle Präsenz.

WfW: Wie kam das Projekt Kastanienhof Basel zustande?

KK: Durch das Elisabethenwerk, welches einmal im Monat ein Senioren-Mittagessen organisierte. Weil es der kleinen Gruppe dann aber zu aufwendig wurde, äusserten sie den Wunsch, es abzugeben. Als das Borromäum kurzfristig absagen musste, kam das Projekt zu uns. Probeweise haben wir das zwei Mal im Monat durchgeführt und haben dabei gesehen, wie aufwendig es ist. Aber, wenn wir das regelmässig machen könnten, sagten wir, könnten wir uns mit dem Gedanken anfreunden. Durch das Aussterben der Religion hat auch die Kirche den Wunsch geäussert, diese Räume wiederzubeleben und das hat mit unserem Restaurant eigentlich sehr gut geklappt.

WfW: Welche sind die grössten Herausforderungen, auf die ihr stosst?

KK: Die grösste Herausforderung ist bei uns das Finanzielle. Natürlich brauchen wir Angestellte, denn unsere Arbeit ist zeitaufwendig. Geld generieren wir aber nur über die zwei Mittagsstunden, während welcher wir etwas verkaufen. Unsere Gesellschaft ist nun einmal so aufgebaut, dass die Stunden zählen. Unsere Leute sind aber teilweise unterschiedlich produktiv und brauchen länger. Die Wahrnehmung der Produktivität ist oft sehr subjektiv, weil vielleicht viel Aufwand für eine Person dahintersteckt, aber nur wenig daraus für den Betrieb gewonnen werden kann. Hier ist es wichtig, dass wir einen Kompromiss finden. Manchmal bedeutet das auch, dass sich Mitarbeitende mehr Zeit nehmen dürfen, die Kosten dafür jedoch nicht vollumfänglich der Kastanienhof trägt.

Manchmal kristallisiert sich heraus, dass die Menschen noch ganz andere Talente haben. Am Anfang nehmen sie das vielleicht nicht wahr, weil sie noch nicht das Gespür für sich haben, merken aber, dass sie Spass an gewissen neuen Aufgaben haben. Wir versuchen sie dann auch dementsprechend einzubinden. Das gibt ihnen viel Aufwertung, sie können auf etwas stolz sein. Einige Mitarbeitende orientieren sich dann auch für ihre spätere berufliche Tätigkeit daran. Das ist genau unser Ziel: wir sind eine Durchlaufstation, idealerweise sollte bei uns niemand sehr lange bleiben.

WfW: Welcher war für dich persönlich der grösste Erfolg?

KK: Es ist nicht mein Erfolg, da wir ein Team sind und die Dinge gemeinsam erreichen. Was mich aber immer wieder freut, ist, wenn ehemalige Mitarbeitende nach einiger Zeit wieder zurückkommen und reflektieren. Sie sagen dann plötzlich „jetzt habe ich erst begriffen, was ich bei euch gelernt habe und wie es mich weitergebracht hat“. Sie beschreiben dann, wie es ihnen geht und wie sie sich weiter entwickelt haben... da bin ich dann manchmal schon ziemlich stolz (lacht). Da konnten wir wirklich jemandem ein Stückchen weiterhelfen und schlussendlich haben sie verstanden und sagen Danke. Sie müssen nicht, aber sie sagen Danke. Dann denke ich immer: „Okay, ich glaube wir sind auf dem richtigen Weg“.