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LVTC Handover PPE; Photographer:Francis Zawadi
LVTC Handover PPE; Photographer:Francis Zawadi

Wie Berufsausbildung in Sambias Wassersektor gelingt

Eine effektive Berufsbildung ist die Grundlage für die Sicherstellung einer professionellen, zuverlässigen und widerstandsfähigen Wasser- und Abwasserversorgung. Nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Sambia, wie wir im Fachmagazin für Umwelttechnik (5/23) ausführen durften. Hier kannst du den Artikel nachlesen.

22. Januar 2024


Die Schweizer Non-Profit-Organisation «Wasser für Wasser» (WfW) engagiert sich seit 2012 für einen gerechten Umgang mit der Wasserressource in Mosambik, Sambia und der Schweiz. Ihr Fokus liegt auf der Förderung von professioneller Wasser-, Sanitär- und Hygieneversorgung (WASH) in strukturell benachteiligten periurbanen Räumen sowie auf umweltfreundlichem Wasserkonsum und effektivem Ressourcenschutz. In all ihren Bemühungen spielt die Vermittlung von Wissen und Kompetenzen mittels lokaler WfW-Organisationen eine zentrale Rolle, um Wertschöpfungsketten zu stärken und Abhängigkeiten zu verringern.

In Sambia widmet sich WfW nicht nur der professionellen Wasserinfrastruktur, sondern hat auch das «Skills Development Programme» ins Leben gerufen, um die hohe Jugendarbeitslosigkeit anzugehen und den Mangel an Wasser- und Sanitärinfrastruktur auch von der Personalseite her zu adressieren. WfW unterstützt mit diesem Programm Berufsbildungseinrichtungen und Student*innen, schafft Verbindungen zu Industrie und Wasserversorger*innen und engagiert sich in nationalen Expert*innen-Gruppen.

Friday Workshop at LVTC

Richard Hajanika, Rejoice Mungalaba und Chela Peter (v.l.n.r) bekommen an einem Friday Workshop am LVTC praktisches Wissen von Justin Mbewe, Superintendant der Lusaka Water Supply & Sanitation Company vermittelt. (Bild: Yemba Chilambwe, WfW).

Ein Weg mit Hürden

Obwohl Sambia über ausreichende Wasserressourcen verfügt, fehlt vielen Sambier*innen der Zugang zu sauberem Wasser und angemessenen Sanitäranlagen. Besonders in Stadtgebieten, in denen das starke Bevölkerungswachstum die kommunale Infrastruktur überfordert, sind diese Probleme akut. Darum hat sich Sambia einen ehrgeizigen «National Development Plan» erarbeitet, der die 17 Sustainable Development Goals (SDG) der UN adressiert. Im Rahmen des SDG 6 verfolgt Sambia unter anderem das Ziel, einen gerechten Zugang zu Trinkwasser und verbesserten sanitären Einrichtungen bis 2030 zu erreichen. Der Weg dahin bietet einige Hürden – aber auch Chancen.

Tumba M. Mupango, Programmleiterin Skills Development bei WfW

Tumba M. Mupango, Programmleiterin Skills Development von WASSER FÜR WASSER (WfW) in Lusaka, Sambia.


«Wir haben die Wichtigkeit der Berufsbildung im Wassersektor früh erkannt und stärken diesen Sektor in Sambia seit 2013», sagt Tumba M. Mupango, Programmleiterin Skills Development von WASSER FÜR WASSER (WfW) in Lusaka, Sambia. Das Berufsbildungsprogramm verfolgt konkret vier Ziele: Erstens, eine einfach zugängliche Ausbildung – auch für Frauen und einkommensschwache Teilgruppen der Gesellschaft. Zweitens, eine gute Lernumgebung mit adäquaten Lehrmaterialien. Drittens, die Förderung praktischer Lehrkurse und nachhaltiger Karrierewege und viertens, eine Vernetzung von Akteur*innen und eine aktive Governance. Für Mupango ist klar: «Wir wollen mit unseren Tätigkeiten Lernende und Fachleute befähigen, damit sie zu zuverlässigen und sicheren Wasser- und Sanitärsystemen in Sambia beitragen können.»


Grosser Bedarf an qualifizierten Fachkräften

Chola Mbilima ist Oberinspektorin für Finanz- und Handelsmanagement beim «National Water Supply and Sanitation Council» (NWASCO). Als erfahrene Expertin im Wassersektor betont sie die Notwendigkeit eines grossen Pools an „hochqualifizierten jungen Wasserfachleuten beider Geschlechter, um die Herausforderungen im Wasser- und Abwassersektor effektiv zu bewältigen.“ Sie unterstreicht, dass das SDG 6 ohne Verbesserungen in der Berufsausbildung im Wassersektor nicht erreicht werden kann.


Chola Mbilima, Oberinspektorin für Finanz- und Handelsmanagement beim «National Water Supply and Sanitation Council» (NWASCO)

Chola Mbilima, Oberinspektorin für Finanz- und Handelsmanagement beim «National Water Supply and Sanitation Council» (NWASCO).


Mbilima nennt aus regulatorischer Sicht zwei zentrale Herausforderungen in Bezug auf die Verbesserung der Berufsbildung im Wassersektor. Einerseits die Lücke zwischen Theorie und Praxis: In vielen Berufsbildungseinrichtungen werden Inhalte gelehrt, die nicht mit den aktuellen Praktiken der Industrie übereinstimmen. Die Integration praktischer Elemente scheitert oft an veralteter Ausrüstung. Damit einher gehen eine fehlende Anpassung an Industriestandards und mangelnde Praxiserfahrung von Absolvent*innen. Als zweites nennt sie die Geschlechterungleichheit: Frauen sind in der Wasserindustrie unterrepräsentiert und werden als Folge bei Entscheidungsprozessen und anderen Möglichkeiten im Sektor oft ausgeschlossen.

Seriöse Partner bei praktischer Ausbildung

Die Zusammenarbeit mit WASSER FÜR WASSER (WfW) und speziell die Beteiligung von WfW in der Skills Advisory Group (SAG) – einer nationalen Initiative zweier Ministerien, in der WfW beratend tätig ist und ihre Expertise einbringt – schätzt Mbilima sehr. Sie hebt dabei die Bedeutung von WfW-Stipendien für Studentinnen hervor, die zur Überwindung der Geschlechterungleichheit beitragen. Zudem betont sie die Entwicklung des Praktikumsprogramms, dank dem Student*innen während ihrer Ausbildung praktische Erfahrungen in der Industrie sammeln können.

Phyllis C. L. Kasonkomana ist als Leiterin der Abteilung Entwicklung in der „Technical Education, Vocational and Entrepreneurship Training Authority“ (TEVETA) tätig und damit für die Sicherung der Qualität, Bewertung und Zertifizierung aller TEVET-Programme verantwortlich, einschliesslich der wasserbezogenen Programme. Sie teilt ähnliche Anliegen wie Chola Mbilima, weist jedoch auf eine zusätzliche Herausforderung hin: die unzureichend ausgebildeten Berufsbildungslehrer*innen.


Phyllis C. L. Kasonkomana, Leiterin der Abteilung Entwicklung in der „Technical Education, Vocational and Entrepreneurship Training Authority“ (TEVETA).

Phyllis C. L. Kasonkomana, Leiterin der Abteilung Entwicklung in der „Technical Education, Vocational and Entrepreneurship Training Authority“ (TEVETA).


In diesem Zusammenhang betont sie die wichtige Rolle der Schweizer NPO. Zum Beispiel als Expertin bei der Weiterentwicklung des Curriculums, praktischer Lerneinheiten und eines Konzepts für die duale technische Berufsausbildung für die Wasser- und Sanitärversorgung sowie bei der Stärkung der Kapazitäten der Ausbildner*innen. Laut Kasonkomana hat sich WfW seit 2013 als „seriöse Partnerin in der beruflichen Bildung im Wassersektor erwiesen.“

Berufsschulen im Dilemma

Jonathan Mumbi ist der Vize-Direktor des Lusaka Vocational and Technical College (LVTC).

Jonathan Mumbi, Vize-Direktor des Lusaka Vocational and Technical College (LVTC).


Jonathan Mumbi ist der Vize-Direktor des Lusaka Vocational and Technical College (LVTC). Er konstatiert: „Wasser- und Sanitärprogramme sind im Vergleich zu etablierten Disziplinen wie Elektrotechnik oder Metallverarbeitung relativ neu, was sowohl bei der Lehrplanentwicklung als auch bei der Verfügbarkeit qualifizierter Lehrer*innen Herausforderungen mit sich bringt.“


Für Mumbi kommt aber noch ein ganz wesentlicher Punkt hinzu: Berufsbildungsinstitutionen seien „gewinnorientierte Organisationen“. Sie befinden sich im Dilemma, einen öffentlichen Auftrag quasi ohne öffentliche Unterstützung zu erfüllen. Einkommen generieren sie mit Studiengebühren, die für viele junge Menschen nicht bezahlbar sind. So sagt Mumbi: „Die grösste Herausforderung beim Anbieten von qualitativ hochstehender, breit zugänglicher, praktischer Ausbildung ist fehlendes Geld.“ Als Berufsschule sieht Mumbi die Notwendigkeit, Ausbildungsprogramme im Bereich der Wasserversorgung und Abwasserentsorgung anzubieten, denn sie „sind für ein sich entwickelndes Land wie Sambia unverzichtbar.“ Damit das für Berufsbildungsinstitutionen funktionieren kann, seien diese auf die Unterstützung von Einrichtungen wie WfW angewiesen.

Lücken schliessen zwischen Theorie und Praxis

Rosemary Chisengele ist eine Studentin am LVTC. Sie besucht den Kurs in Water Supply and Sanitation Operations Course (WASSOP, Wasser- & Sanitärversorgung) im zweiten Jahr. Für die Ausbildung hat sie sich entschieden, um ihre Chancen auf einen festen Arbeitsplatz zu erhöhen und weil Wasser Leben ist.


Rosemary Chisengele, Studentin für Water Supply and Sanitation Operations (WASSOP, Wasser- & Sanitärversorgung) am LVTC.

Rosemary Chisengele, Studentin am LVTC.


Sie erzählt auf einer praktischen Ebene von all den Herausforderungen und wünscht sich ganz konkret eine engere Betreuung der Lehrpersonen und mehr praktische Kurse und Praktika: „Wir brauchen mehr praktische Ausbildung, denn die Dinge ändern sich von Tag zu Tag. Zu oft bekommen wir Sachen gelehrt, die bereits veraltet sind.“ Chisengele beschreibt sich selbst als „hard working lady“; es sind Student*innen wie sie, die die Berufsbildung mit ihrem Engagement und Ansprüchen von unten verbessern.

So ist Mumbi, der Vizedirektor der Schule, zuversichtlich. Auch dank der Unterstützung von WfW. Die Schule profitiere zum einen von der finanziellen Unterstützung im Bereich Schulgeld, Infrastruktur, Werkzeuge und Ausrüstung und sei so in den letzten Jahren gewachsen. Zum anderen habe WfW das LVTC erfolgreich mit Akteurinnen aus der Industrie und anderen Partnerinstitutionen vernetzt, wovon die Schule und ihre Student*innen besonders profitierten.

Brancheneinstieg ohne praktische Kenntnisse

Patrick Daka ist Geschäftsführer von Davies & Shirtliff, einem multinationalen afrikanischen Unternehmen aus Kenia und einem der grössten Lieferanten von Pumpen, Rohren und Zubehör für die Wasserversorgung in Sambia. Wenig überraschend konstatiert auch Daka „eine Lücke zwischen der theoretischen und praktischen Ausbildung.“ Vielen Absolvent*innen fehle es an praktischer Erfahrung: „Sie steigen ohne praktische Kenntnisse in die Branche ein und müssen dort bei Null anfangen.“


Patrick Daka, Geschäftsführer von Davies & Shirtliff.

Patrick Daka, Geschäftsführer von Davies & Shirtliff.


Mit WfW verbunden ist Davies & Shirtliff über die Friday Workshops, welche die NPO 2017 am LVTC initiierte, um die Lücke zwischen der Berufsschulausbildung und der Industrie zu schliessen. In diesen Workshops ermöglichen Expert*innen aus der Industrie den Studierenden praktische Erfahrungen und Einblicke in die neuesten Technologien und Materialien der Branche. Daka nimmt aber auch die Unternehmen in die Verantwortung, die proaktiver mit Bildungseinrichtungen zusammenarbeiten müssten. Er betont, dass praktische Erfahrungen und Problemlösungskompetenzen entscheidend für die Qualität der Arbeit in der Wasser- und Energiewirtschaft sind.

Friday Workshop with LWSC LVTC

Friday Workshop am LVTC verbinden Berufsbildungsinstitute und ihre Student*innen mit der Industrie, hier mit Justin Mbewe, Superintendant der Lusaka Water Supply & Sanitation Company. (Bild: Yemba Chilambwe, WfW).

Vielfältige Herausforderungen mit vielfältigen Chancen

Es zeigt sich, dass die Herausforderungen im Bereich der Berufsbildung im Wassersektor in Sambia vielfältig sind: zwischen Theorie und Praxis, zwischen Institutionen in finanziellen Dilemmata und wenig privilegierten jungen Menschen, zwischen Anspruch, Realität und Möglichkeiten. Multiperspektivisch wird dabei aber auch deutlich, dass zwischen diesen Geschichten Chancen liegen, insbesondere im Verbinden von Akteur*innen und ihren Perspektiven und Ressourcen. Damit lassen sich nachhaltig Ziele erreichen und lokale Wertschöpfung generieren.

Für die in drei Ländern tätige NPO ist klar: Ein ganzheitlicher, lokaler Ansatz auf dem Weg zu einer gerechten und professionell geführten Wasser-, Sanitär- und Hygieneversorgung (WASH) kommt ohne den Fokus auf die Berufsbildung und deren vielfältigen Akteurinnen nicht aus. Die Chancen, die sich aus dieser Zusammenarbeit und diesem Fokus ergeben, sind ebenso vielfältig. Sie reichen von einem fairen Zugang zu Berufsbildung über Geschlechterdifferenzen hinweg bis hin zur Schaffung zuverlässiger und sicherer Wasserversorgungssysteme. Die Schaffung von Verbindungen zwischen Bildungseinrichtungen und der Industrie und die Förderung praktischer Trainingsformate ermöglicht es den Lernenden, die nötigen Fähigkeiten zu erwerben, um auf die aktuellen Anforderungen des Arbeitsmarkts vorbereitet zu sein. Es sind zentrale Schritte auf dem Weg zur Erreichung der Nachhaltigkeitsziele im Wassersektor und zur Sicherstellung einer gerechten und zuverlässigen Wasserversorgung für alle Sambier*innen.

Quelle:

M. Lindunda, T. Mupango, S. Renggli, N. Schwery (2023): Wie Berufsausbildung in Sambia auch dank Schweizer Unterstützung gelingt. in: Umwelttechnik (5/2023).

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